Bernd Rummert, Handwerke

Kunstverein Schwabmünchen

2018

Bernd Rummert - HANDWERKE

von Wolfgang Mennel. Text zur Ausstellungseröffnung: Bernd Rummert, Handwerke, Kunstverein Schwabmünchen, Januar 2018

Kunst kann fast alles sein, denn sie ist das, was wir von ihr sagen. Blendwerk zum Beispiel, wenn der Künstler uns mit der Strahlkraft eines Kunstwerks über seinen (des Künstlers und des Kunstwerks) wahren Wert täuschen will. Mal abgesehen von der scheinbar typisch deutschen,mehr wertenden als klassifizierenden Dichotomie von echt und unecht, muss man doch einräumen, dass von einem Blendwerk wenigstens Licht ausgeht, wo bei anderen das Licht dauerhaft abgeschaltet bleibt. Noch schlechter ist der Ruf des Machwerks, dem das Machenanhängt (wo doch große Kunst nicht gemacht wird sondern allenfalls gelingt) und dann auch noch die böse weil heimliche Absicht.

Künstler schätzen es nicht, wenn ihre Werke als Blend- und Machwerke benannt werden, denn mit kontaminierter Absicht ist das ganze Ergebnis nichts wert. Die Kunstbetrachter sind nämlich ehrenwerte Leute, die sich ehrlich beeindrucken, vielleicht sogar einnehmen lassen, die amEnde vielleicht sogar ehrlich verdientes Geld für Kunst ausgeben.Da ist es auch heute noch in gewissen Kreisen günstiger, wenn der Künstler sich als Handwerkergibt. Reines Handwerk hat angeblich goldenen Boden. Für ein paar gekachelte Nasszellen in München könnten Sie in Schwabmünchen die ganze Ausstellung kaufen. Da kommt so mancher Künstler ins Grübeln auch wenn er gar keinen Ferrari will, aber ein Handwerker will er am Ende auch nicht sein.

Seit die Künstler vor langer Zeit Genies geworden sind, war es fast unmöglich, den Aspekt der Arbeit in den Vordergrund zu stellen. Allenfalls ein paar doktrinäre Kommunisten erdreisteten sich, den Künstler als Arbeiter zu sehen und daraus eine Norm abzuleiten. Lang ist es her. Allerdings hat es sich in den letzten Jahren eingebürgert oder eingekünstlert, dass Kunstschaffende ihre Werke „Arbeit“ nennen. In der Regel sind das keine kommunistischen Künstler; darin steckt eine kleine Normverletzung, eine Stichelei gegen das Geniegesäusel und ein leiser Versuch, auf den Gegenwert von Kunstwerken hinzuweisen, das Kunstwerk als Marktobjekt zu definieren, ohne gleich das Besondere der Kunst im Verkaufspreis aufgehen zu lassen.

Sie sehen schon was sie längst wussten: Künstler machen Kunst, aber was das ist, ein Künstler wie die Kunst, das weiß er so wenig wie Sie. Was wir wissen, hat Karl Valentin in einem lapidaren Merksatz formuliert: Kunst ist schön,macht aber viel Arbeit. Wir sind beruhigt, denn die Vorstellung, dass dem Künstler zufliegen könnte, was anderen Mühe macht, ist beunruhigend. Am Anfang ist nichts da, und später, nach unbestimmter Zeit ist dann etwas da. Was in dieser Zeit geschehen ist, das wissen die Kunstbetrachter nicht und der Künstler schweigt. Ganz schlecht ergeht es dem Künstler, von dem bekannt wird, dass ihm sein Werk mühelos gelingt. Oder noch schlimmer, dass er einen Apparat die ganze Arbeit machen lässt, wie der armselige Fotokünstler, der nach Meinung mancher nichts kann und auch nichts weiter können muss als abzudrücken. Bernd Rummert ist ein Künstler. Künstler zu sein bedeutet für ihn: zu arbeiten. Allerdings  hat Bernd Rummert weder eine gewerkschaftliche noch eine arbeitgebermäßige Auffassungvon Arbeit. Wenn wir gelegentlich über Land fahren und es begegnet uns etwas, sagen wir ein Misthaufen, und daneben türmen sich ein paar blaue Fässer, dann kann es schon sein, dass er anerkennend nickt und dem unbekannten Künstler zu seiner guten Arbeit gratuliert. Will sagen: Kunst ist im Objekt, aber auch im Blick auf dasselbe.

Bernd Rummert arbeitet seine Kunst eigenhändig.  (Mit ganz wenigen Regelbestätigungsausnahmen: Der Grauguss TORSO ist eine reine Form aus industrieller Herstellung ist, aber dennoch ein Unikat. Und dass er sich beim Aussägen der Eisenplättchen, aus denen er seineTeppiche knüpft, von Manfred Herma und seinen Maschinen helfen lässt, versteht jeder, der schon mal Eisen gesägt hat.) In der Regel aber haben wir hier Werke, die einer mit der Hand gemacht hat. Das ist freilich banal, weil ja sogar der untalentierteste Amateur seine Pinselstudien eigenhändig anfertigt. Das bevorzugt Material von Bernd Rummert ist Eisen, und das schreit geradezu nach industrieller oder handwerklicher Methode. Bernd Rummert besteht aber auf der Handarbeit. Nichtweil er andere Produktionsformen ablehnt, sondern weil es für ihn die richtige, die angemessene ist, und das im Wortsinn: Bernd Rummert misst sich seine Werke ab: Das gilt für große Konzept, die Lebenskunst, (Eines hieß: Versuch sich um die Welt zu drehen, das heißt eine solche Menge/Länge von Draht zu verarbeiten, dass man den Weltumfangeinmal durchmessen hat.)Das gilt auch fürs kleine Objekt, das Einzelwerk.Bernd Rummert verliert nie den Körper als Maß und Basis aus dem Auge. Dabei ist er garantiertkein Körperfetischist oder Egoperformanceartist. Er bezieht sich ganz konkret auf eigenes Maß. Sei es dass er die eigene Fußgröße nimmt und in eine Form verwandelt, auf der er danneine Plastik aus Gummi entfaltet und befestigt, die wie ein Schuh aussieht, aber kein Schuh ist. Bei anderen Werken ist die Körpergröße des Künstlers der Maßstab. (Der genaue Wert wird hier nicht verraten, um es eventuell anwesenden Plagiatoren nicht zu leicht zu machen). Der Raum ist das Ziel. Am Anfang aber war die Zahl. Die Zahl als Körpergröße und Erdumfang, als Anzahl von Federringen in einem Quadrat von 50 x 50 cm, als Anzahl von quadratischenMetallplatten, die man benötigt um einen Teppich von 150 cm Länge zu flechten. Bernd Rummert kann rechnen. Er weiß wie lange es dauert, bis man, sagen wir 25000 Federringe zu einem Kettenhemd verknüpft hat. Er könnte vielleicht auch ausrechnen, wie weit er als Schwimmer auf einer 50-m-Bahn käme, wenn er die gleiche Zeit aufwenden würde. Aber damit rechnet er nicht. Obwohl Rechnen und Planen zu seiner Art von Kunst gehört. Aber auf der anderen Seite ist die Freiheit in den Formen, die man nicht berechnen kann, die man nur spüren kann, denken kann. Die Messwerte sind das eine, das Material ist das andere. Aber ohne Idee bliebe nur der Schrotthandel.

Bernd Rummert interessiert sich für Räume. Das ist die Luft zwischen denWänden; aber auch nicht die Luft, eher die Idee der Luft, die auch in der Abwesenheit von Luftpräsent bleibt. Der Raum hat eine Form, die man nur sieht, wenn seine Außengrenzen sichtbarsind. Oft denkt man sich den Raum leer, aber der leere Raum ist nur ein Spezialfall; meist befindetsich etwas im Raum; denken Sie nur an ihr Wohnzimmer, ihr Schlafzimmer.Den Gegensatz zum leeren Raum finden Sie in dieser Ausstellung ebenfalls: der Grauguss:TORSO, eine plastische Form die massiv ist. Mehr Inhalt geht nicht, die ersten die das bestätigen würden wären Diebe, die mit dem TORSO unterm Arm entkommen wollten. Bernd Rummert schafft es, den Raum als Gewicht spürbar zu machen. Rummerts Thema ist aber vor allem der leere Raum. Die Außengrenze des Raums, das Innere des Raums. Der bewegliche Raum. Der Raum ist immer eine Form, sonst könnten wir ihnnicht wahrnehmen. Selbst wenn die Raumgrenzen flach ausgewalzt sind, ist der Raum noch ein Raum. Der Rauminhalt ist eine Funktion von Raumform und Raumgrenzen. Die Werke entfalten immer eine Form, genauer: einen variablen Raum; einen Raum mit harterSchale, die sich je nach Lichteinfall aber auch verwandelt, mal strahlend, reflektierend, mal inschattenloses Schwarz versinkend. Wer behauptet hat, dass Stahl kalt und langweilig und grauund tot ist, dass nur verrosteter Stahl Kunst sein kann, der wird hier umdenken müssen.Bernd Rummerts Räume sind keine Formalismen, keine schönen Formen, die sich an sich selbst freuen und die sich selbst genug sind. Diese Räume sind: Aufenthaltsraum, Gedankenraum. Entfaltungsraum. Möglichkeitsraum.

Räume sind Schutzräume und Zufluchtsorte. Alle diese Netze sind immer Außenwand undInnenwand zugleich. Sie schützen und halten ab, sie geben Sicherheit und sind eine Last. Sie verhindern das Eindringen und sie verhindern die Flucht, die Ausflucht, den Ausgang. Niemals geben die Netze eine endgültige Stellungnahme ab, niemals sind sie endgültige Form: die Netze sind durchsichtig und undurchsichtig, je nachdem, wie sie gefaltet, gelegt sind, undaus welcher Perspektive wir sie betrachten. Auch in einer Ausstellung können die Netze sich bewegen, verändern. Der Besucher kann als Raumbildner tätig werden.Der Raum kann leer sein oder nicht.Der Schutzraum des Kinderstuhlgerippes. Ein Stück Sperrmüll, ein Objet trouvé, aber nicht alssolches in Kunst verwandelt, sondern als Ausgangspunkt, als Strukturelement eines ganz neuenund eigenen Werkes verwendet. In Verbindung mit einem Netz wird aus diesem Fundstückein Schutzraum, eine Erinnerungskammer, aus anderer Perspektive vielleicht ein Kindheitsgefängnis, eine Verkapselung, ein Trauma als Wandplastik.

Ein anderes Fundstück, nicht ganz so edel wie Man Rays Quelle, ein Nachttopf oder eine Bettpfanne soll nicht etwa in einem spießbürgerlichen Umfeld provozieren, vielmehr etabliert es hinterm und unterm Vorhang einen sehr privaten Raum, hier weniger Schutz- als Schamraum. 103 Ansichten von Draht. 16 Teile aus 75 cm langen Drahtstücken bilden die Grundstruktur jeder dieser Formen. Dasheißt: in jedem Teil sind 12 m Draht verarbeitet, in der gesamten Installation 1236 m. Bernd Rummert geht planmäßig vor, unterzieht sein Material einem definierten technischen Verfahrenund freut sich am Ende über die ungeplante und unplanbare Form, die dann noch einenSchatten dazugibt. Die Wandarbeit: ausgedacht, abgemessen, eingetaucht und festgeschraubt. Mehr nicht. Und doch erscheint es mir persönlicher, als wenn andere zwölf Farbhaufen auf einer Leinwand hinterlassen und dann auf Verdunstung und Erosionen hoffen, damit etwas Unverwechselbares dabei herauskommt. Oder als wenn ein anderer zwölf wichtige Begriffe dekliniert und die Bedeutung wie eine Monstranz vor sich hin hält, halb ohnmächtig vor der Bedeutsamkeit dereigenen Gedanken.

Blendwerk, Beiwerk, Machwerk, nichts davon.
Bernd Rummert ist mit seinen Handwerken unverwechselbar.

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